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Kunst am AEG

Menschlichkeit statt Vorurteile - Ein Klassiker mit aktueller Botschaft

Erstellt am 11.06.26 von Teresa Herrmann

Mit einer eindrucksvollen Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings Drama Nathan der Weise gelang es dem Ensemble der Neuen Werkbühne München, 98 Zehntklässlerinnen und Zehntklässler des Albrecht-Ernst-Gymnasiums in das Jerusalem des 12. Jahrhunderts zu versetzen. Die Schulfassung des Klassikers machte deutlich, dass die zentralen Themen des Werkes – religiöse Toleranz, Vorurteilsfreiheit und Menschlichkeit – auch mehr als 240 Jahre nach seiner Entstehung nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Im Mittelpunkt steht Nathan, ein wohlhabender jüdischer Kaufmann, der sich in einer von religiösen Spannungen geprägten Gesellschaft behaupten muss. Nachdem seine Tochter Recha von einem christlichen Tempelritter aus einem brennenden Haus gerettet wurde, treffen Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen aufeinander. Gleichzeitig stellt Sultan Saladin Nathan die berühmte Frage, welche der drei monotheistischen Religionen die wahre sei. Nathans Antwort, die Ringparabel, bildet den Höhepunkt des Dramas: Nicht die Zugehörigkeit zu einer Religion entscheide über den Wert eines Menschen, sondern sein Handeln gegenüber anderen.
Trotz der im Vergleich zum Original reduzierten Besetzung gelang es der Schauspielerin und ihren Kollegen, die Handlung lebendig und verständlich zu vermitteln. Immer wieder unterbrachen sie das Spiel im Sinne des epischen Theaters, um historische Hintergründe zu erläutern und die Themen des Stücks mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen zu verknüpfen. Dadurch wurde deutlich, wie eng Lessings Botschaft mit den Herausforderungen der Gegenwart verbunden ist.
Besonders eindrucksvoll war das Bühnenbild. Die Darstellung Jerusalems erinnerte nicht nur an die Zeit der Kreuzzüge, sondern schlug auch eine Brücke zur Gegenwart. Angesichts der weiterhin anhaltenden Gewalt und des Krieges zwischen Israel und den Palästinensern erhielten die Fragen nach friedlichem Zusammenleben, gegenseitigem Respekt und Verständigung eine besondere Bedeutung. Die Inszenierung machte deutlich, wie aktuell Lessings Forderung nach Toleranz und Menschlichkeit noch heute ist.
Ein Schlüsselsatz des Dramas lautet:
„Es eifre jeder seiner unbestochnen,
von Vorurteilen freien Liebe nach!“ (V. 2041f.).
Nathan fordert damit dazu auf, nicht darüber zu streiten, wer die Wahrheit besitzt, sondern durch Mitmenschlichkeit, Respekt und verantwortungsvolles Handeln zu überzeugen.
Auch ein weiteres bekanntes Zitat bringt die zentrale Botschaft des Stücks auf den Punkt:
„Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
als Mensch?“ (V. 274f.).
Die Aufführung regte die Schülerinnen und Schüler dazu an, über Vorurteile, Ausgrenzung und die Bedeutung von Toleranz nachzudenken. Im anschließenden Werkgespräch erhielten sie zudem interessante Einblicke in die Arbeit des Ensembles und die Entstehung der Inszenierung. So wurde die Theaterinszenierung nicht nur zu einer Begegnung mit einem bedeutenden Werk der Aufklärung, sondern auch zu einer Auseinandersetzung mit Fragen, die unsere Gesellschaft bis heute beschäftigen.