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Aufbruch ins Unbekannte – zwischen „Ground Control" und „Völlig losgelöst"

Erstellt am 02.07.26 von Linda Hertel

Nach mehreren Tagen mit über 35 Grad, einem regen und konstruktiven Austausch zwischen Schulleitung und fürstlichem Haus sowie zahlreichen Anpassungen des Ablaufplans war klar: Die Abiturfeier 2026 des Albrecht-Ernst-Gymnasiums Oettingen würde in mehrerlei Hinsicht ein Aufbruch ins Unbekannte werden.

Rund 80 Prozent der Feierlichkeiten – Gottesdienst, Reden, Preisverleihungen und das musikalische Rahmenprogramm – fanden in der kühleren Kirche St. Jakob statt. Erst zur feierlichen Zeugnisausgabe wechselte die Festgesellschaft in den prachtvollen Festsaal des Schlosses Oettingen. Möglich gemacht hatte dies unter anderem Pfarrer Diener, der nach einem einzigen Anruf am Vortag die Kirche spontan zur Verfügung stellte. Dank galt ebenso den Musiklehrkräften Günther Simon und Thomas Bähr, die das Rahmenprogramm an die neuen Gegebenheiten anpassten, sowie dem gesamten Planungs- und Organisationsteam, das die kurzfristige Umplanung erst ermöglichte.

Um 15.00 Uhr begann der Abschlussgottesdienst in der gut gefüllten, angenehm temperierten Kirche. Die Abiturienten hatten die Feier mit Pfarrer Richard Hörmann und Pfarrer Matthias Hippe – an diesem Nachmittag nicht nur Mitgestalter, sondern auch stolzer Vater einer Abiturientin – selbst vorbereitet. Die Lesung aus dem Prediger (3, 1–15) – „Alles hat seine Zeit" – spannte einen zeitlosen Bogen. Das Vocal-Ensemble sang „Hallelujah" von Cohen und „Fix You" von Coldplay, die Festgemeinde stimmte „Zehntausend Gründe" und das Segenslied „Von guten Mächten" an.

Gegen 16.00 Uhr eröffnete Schulleiter Christian Heinz den offiziellen Teil und begrüßte die Festgesellschaft mit den Worten, es sei „eine wunderbare Tradition, eine Abiturfeier mit einem Gottesdienst zu beginnen". Das Schulorchester unter Günther Simon setzte mit „Shine You No More" von Rune Tonsgaard Sørensen und Vivaldis Konzert d-Moll – mit Theresa Knoll als Cello-Solistin – einen festlichen Auftakt, der das Publikum tief bewegte.

Das Herzstück: Major Tom und das Artemis-Programm
Die anschließende Rede von Schulleiter Heinz war das Herzstück des Nachmittags: eine Verbindung aus Popkultur, Raumfahrtgeschichte und gesellschaftspolitischer Klarheit. Sein Leitmotiv: David Bowies „Space Oddity".
„Ground Control to Major Tom" – die erste Zeile des Songs – stand für alle, die den Jahrgang begleitet hatten: Eltern, Lehrkräfte, Sekretariat, Hausmeister, Kioskteam – die „Bodenstationen", ohne die keine Raketenzündung möglich gewesen wäre. Besonders herzlich dankte Heinz dem Oberstufenkoordinator Roland Wenzel für seinen unermüdlichen Einsatz. Dass nun 97 Abiturienten das Abitur bestanden hätten – sechs davon mit der Traumnote 1,0 –, sei das Ergebnis einer Teamleistung. Ausdrücklich gedachte er auch derjenigen, die es nicht ganz geschafft hatten: „Bitte richtet ihnen meine besten Grüße aus – das ist mir ein echtes Anliegen."
Vier Ratschläge gab Heinz den Abiturienten mit auf den Weg. Mit Blick auf die diverse deutsche Fußballelf als Abbild der modernen Gesellschaft rief er: „Begegnet allen Menschen mit Respekt – die Würde jedes Einzelnen ist nicht verhandelbar." Zweitens mahnte er, den Blick für das oft übersehene Glück der kleinen Alltagsmomente zu schärfen. Drittens warb er für Wachsamkeit gegenüber Botschaften, die statt Argumenten nur Ressentiments bedienen – besonders in den sozialen Medien.
Den Höhepunkt bildete der Verweis auf das Artemis-Programm der NASA, das das Vocal-Ensemble mit einer eindrucksvollen Interpretation von „Space Oddity" einleitete. Benannt nach der Zwillingsschwester des griechischen Gottes Apollon, schlage die Mission eine bewusste mythologische Brücke zurück zum Mond – und sei zugleich ein klares Symbol für Diversität: Während die Apollo-Missionen der 1960er und 1970er Jahre ausschließlich männliche Astronauten kannten, bringt Artemis erstmals Frauen und diverse Teams in den Orbit. Sie zeige, dass es Ziele gibt, die nationale und persönliche Egoismen überwinden. Mit seinem letzten Rat – frei nach der US-Autorin Marianne Williamson – ermutigte Heinz: „Wer seid ihr, dass ihr all das nicht sein dürft? Denkt groß, verkauft euch nicht unter Wert." Sein Schlusswort: „Schwebt selbstbewusst in die Welt hinaus, auch wenn es sich – wie Bowie singt – manchmal seltsam, ‚most peculiar' anfühlen sollte."

Auszeichnungen für einen herausragenden Jahrgang
Es folgte die Verleihung zahlreicher Preise. Bürgermeister Thomas Heydecker überreichte den Bürgermeisterpreis für herausragendes gesellschaftliches Engagement an Emma Seefried sowie – in Vertretung des Landrats – einen W-Seminarpreis an Linda Hönle für ihre Arbeit „Die Pink Tax – Marketingstrategie oder Frauendiskriminierung?". Der stellvertretende Schulleiter Klaus Kögel sprang kurzfristig für die Raiffeisenbank ein und zeichnete Emil Sandner für seine W-Seminararbeit „Yen Carry Trade – der japanische Finanzmarkt" aus. Armin Richters stiftete einen Preis für Lena Braun und ihre Arbeit „Biodiversität in Siedlungsgebieten"; die Laudatio hielt Schulleiter Heinz. Auch die Fachlehrer ehrten herausragende Leistungen in Physik, Latein, Griechisch, Biologie, Musik und Katholischer Religionslehre – ein Beleg für die Breite der Exzellenz dieses Jahrgangs. Der Förderverein würdigte besonderes Engagement in der Schülermitverwaltung, und der Elternbeirat – vertreten durch Anne Ohmüller – zeichnete nach einer beeindruckenden und berührenden Ansprache jene fünf Abiturienten aus, die neben Theresa Knoll als Jahrgangsbeste ein Ergebnis von 1,0 erzielt hatten: Lorenz Burger, Simon Vitkovsky, Lea Brattinger, Lena Janu und Leni Böller.

Theresa Knoll und Lorenz Burger hielten gemeinsam die Abiturientenrede und führten die Zuhörer auf eine alphabetische Tour durch die Schule – von Gebäudeteil A bis G, vom „digitalen Schreibtisch" der Unterstufe über den „Schulmanager" und den OSK-Chat der Oberstufe bis zu den Abifahrten nach Südfrankreich und Neapel. Die Rede hatte Witz, Herzlichkeit und Selbstironie und endete mit drei G: Geschafft – Gemeinsame Zeit – Gute Wünsche. Vor allem aber endete sie mit dem Dank an die Eltern und dem Applaus aller Anwesenden.

Festsaal, Medaille und ein Abschied auf dem Akkordeon
Nach einem augenzwinkernden „Hydration Break" zog die Festgesellschaft ins Schloss. Fürst Franz-Albrecht begrüßte die Gäste im Festsaal und betonte gemeinsam mit Fürstin Cleopatra, dass die Feier allen gehöre – nicht nur den Besten: Wer diesen Weg gegangen sei, habe es verdient, gefeiert zu werden.
Fürstin Cleopatra überreichte die Medaille zu Oettingen-Spielberg, den Preis des fürstlichen Hauses, an Theresa Knoll und lüftete – unter langanhaltendem Applaus – die genaue Punktzahl: Mit 898 Punkten hatte Knoll die höchste Punktzahl des Jahrgangs (und aller bisherigen Jahrgänge zuvor) erreicht, noch über den ebenfalls herausragenden 894 von 900 Punkten ihres Mitredners Lorenz Burger. Anschließend empfingen alle 97 Absolventinnen und Absolventen aus den Händen des Oberstufenkoordinators Roland Wenzel und des Schulleiters Christian Heinz ihre Reifezeugnisse und natürlich die selbstgebastelten Schultüten, mit denen der Elternbeirat traditionell an die Anfänge in der fünften Jahrgangsstufe erinnert.
Zum feierlichen Abschluss erfreute Lorenz Burger die Gäste mit „Kalina Krasnaya“ von Viatcheslav Semyonov – gespielt auf dem Akkordeon, was dem Werk eine ganz eigene, überraschend berührende Qualität verlieh.

Wer an diesem Nachmittag dabei war, verließ Kirche und Schloss mit einem Bild im Kopf: Major Tom, der – angeleitet von der Bodenstation – durch die Tür der Raumkapsel tritt, feststellt, dass die Sterne heute ganz anders aussehen, und dennoch den Schritt ins Unbekannte wagt. So wie ihn jetzt die Abiturienten wagen werden. Ground Control wünscht: Guten Flug!

Klaus Kögel